17. Dezember 2025

Mit der Bonner Universitätsstiftung in Guatemala Mit der Bonner Universitätsstiftung in Guatemala

Vorbereitungsreise für ein Postdoc-Projekt in der Petén Region

Paul Graf ist Postdoktorand am Bonn Center for Dependency and Slavery Studies der Universität Bonn. Im Zeitraum vom 03.05. bis 27.07.2025 unternahm er eine umfangreiche Forschungs- und Konferenzreise nach Guatemala, die der Vorbereitung eines Postdoc-Projekts im Bereich der Mayaarchäologie diente. Im Mittelpunkt standen dabei die Vernetzung mit internationalen und lokalen Forschungsprojekten, erste Feldarbeiten sowie die Teilnahme am „38. Simposio de Investigaciones Arqueológicas en Guatemala“, auf dem er zentrale Ergebnisse seiner Doktorarbeit präsentierte. Ermöglicht wurde der Aufenthalt durch die finanzielle Förderung aus dem Prof. Dr. Walther Hubatsch Stiftungsfonds. In seinem Reisebericht teilt er seine Eindrücke und Erlebnisse.

Paul Graf in den Viehweiden der Westperipherie von Tzikin Tzakan
Paul Graf in den Viehweiden der Westperipherie von Tzikin Tzakan © Wendy Osorio
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Es ist der Traum eines jeden Doktoranden: Man steht vor der Prüfungskommission und bekommt mitgeteilt, dass man seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt hat und damit einen langen und beschwerlichen Lebensabschnitt hinter sich lässt. Endlich aufatmen denkt man – doch das Gefühl der Entspannung weilt nur kurz und wird schnell von der existenziellen Frage abgelöst, wie es nun weitergehen soll. Während manche von Forschung erstmal die Nase voll haben, wissen andere vor lauter Ideen und Wissbegierigkeit nicht, welcher davon sie als nächstes nachgehen sollen. Ich zähle mich zu letzteren und kann es kaum erwarten, ein größeres Projekt in meinem Fachbereich der Mayaarchäologie zu beginnen. Dieses Postdoc-Projekt schließt thematisch an meine Doktorarbeit an und soll sich bisher ungeklärten Fragen der sozialen Organisation, des Zusammenlebens und der sozialen Integration in ländlichen Siedlungen der vorspanischen Gesellschaften im zentralen Maya-Tiefland von Mesoamerika widmen. Es erfordert die Betrachtung verschiedener Siedlungsräume und besteht in diesem Sinne aus einer komparativen Studie, die sich verschiedene archäologische Stätten im zentral-östlichen Teil des Petén Department im Norden von Guatemala als Forschungsgegenstand vornimmt. Für die logistische Machbarkeit eines solchen Projekts ist eine sorgfältige Vorbereitung und eine ausgedehnte Vernetzung mit anderen Wissenschaftlern unausweichlich.

Dank der finanziellen Unterstützung der Bonner Universitätsstiftung und des Bonn Center for Dependency and Slavery Studies konnte ich im Sommer 2025 eine Konferenz- und Forschungsreise nach Guatemala unternehmen, die mir sowohl bei der planerischen Gestaltung des Postdoc-Projekts als auch bei der Auswahl der Fallstudien erheblich geholfen hat. Das Hauptziel der fast dreimonatigen Reise war es, Kontakte zu archäologischen Projekten zu knüpfen, die in der Forschungsregion bereits etabliert und für eine Zusammenarbeit offen sind. Einige Projektvertreter wurden direkt an den Forschungsorten besucht, während andere in Flores im Herzen der Petén Region angetroffen wurden. Des Weiteren wurde die Reise dazu genutzt, sich mit einigen archäologischen Zonen durch vorläufige Begehungen und Drohnenflüge besser vertraut zu machen. Dieser Bericht lässt sich grob nach drei Reiseetappen gliedern, beginnend mit archäologischen Ausgrabungen im Rahmen der Feldsaison in Tzikin Tzakan, gefolgt von einem längeren Aufenthalt in der Stadt Flores, von wo aus verschiedene Exkursionen unternommen wurden, und schließlich der Teilnahme am Symposium über archäologische Forschungen in Guatemala in der Hauptstadt.

Hinweis: Der Text beinhaltet Fremdwörter aus dem Spanischen und Maya-Sprachen, deren Aussprache im Folgenden mit Deutscher Lautschrift erläutert wird: <c> = [k]; <ch> = [t͡ʃ]; <j> = [x]; <qu> = [k]; <x> = [ʃ]; <z> = [z].

 Archäologische Feldsaison in Tzikin Tzakan

Die ersten beiden Wochen nutzte ich dazu, meine Grabungsarbeiten in der archäologischen Stätte Tzikin Tzakan abzuschließen, die ich im Jahr zuvor begonnen hatte und welche den Grundstein für den theoretischen Rahmen des Postdoc-Projekts legte. Tzikin Tzakan liegt im Osten des Petén Departments, an der Landstraße CA-13 zwischen den Städten Flores und Melchor de Mencos, ungefähr 10 km von der letzteren. In diesem Sinne traf ich mich am 10. Mai nach einem kurzen Aufenthalt in Guatemala-Stadt mit dem Archäologischen Projekt Tzikin Tzakan und wir brachen auf in die Petén Region. Wir mieteten ein kleines Haus mit Hanglage, das weder Betten noch eine Dusche besaß, in dem kleinen Dorf La Pólvora unweit der archäologischen Stätte. Wie bei Feldforschungen üblich, lebten wir unter sehr einfachen Bedingungen. Wir übernachteten in Zelten, die wir in den Räumen und auf der Terrasse des Hauses verteilten und wuschen uns entweder mithilfe einer Campingdusche oder im nahegelegenen Fluss Mopan. Das Essen wurde von ortsansässigen Köchinnen zubereitet, die ein paar Häuser weiter oben wohnten.

Mit dem Archäologischen Projekt Tzikin Tzakan hatte ich die letzten sechs Jahre im Rahmen meiner Doktorarbeit zusammengearbeitet und in diesem Rahmen die Siedlungsreste in der Westperipherie erforscht. Im Jahr 2024 fokussierte ich mich auf einen abgelegenen und lokalen Komplex monumentaler Architektur namens Cerro Maax („Berg des Klammeraffen“), bestehend aus einem künstlich modifizierten Berg mit einem rechteckigen Plateau und einer vierstöckigen Pyramide umgeben von kleineren Strukturen, Plätzen und Felsbildern. Dabei stellte ich die Hypothese auf, dass es sich um einen zeremoniellen Bereich handelte, welcher eine entscheidende Rolle in der sozialen Integration der ländlichen Bevölkerung in den Einflussbereich des nahegelegenen politischen Zentrums diente. Mit meiner letzten Teilnahme im Archäologischen Projekt Tzikin Tzakan wollte ich die Arbeiten im Nordwesten dieses Komplexes abschließen, wo sich ein weiteres modifiziertes Bergplateau namens Cerro Ik‘ („Windberg“) mit einem möglichen Tempel im Zentrum befindet. Zusammen mit zwei lokalen Grabungsarbeiter*innen, die ich schon in den Grabungen 2024 angelernt hatte, arbeiteten wir unter erschwerten Bedingungen, da es in diesen Gefilden im Mai besonders heiß und trocken ist. Anders als im Zentrum von Tzikin Tzakan, wo der Rest des Teams arbeitete, ist die Westperipherie fast vollständig entwaldet und besteht aus Rinderweiden, weshalb die Bauplanen, die wir über die Testschnitte spannten, die einzigen Schattenspender waren.

Das als Tempel interpretierte Gebäude von Cerro Ik‘ sitzt auf einer Plattform, wo es zusammen mit einer kleineren seitlichen Struktur einen Hof flankiert. Um die zeremonielle Bedeutung dieser Gruppe mit der Kennung J5-p näher zu untersuchen, konzentrierten sich die Grabungen 2025 auf eine Untergrundkammer auf der Südecke der Plattform sowie die Westseite der vermeintlichen Tempelstruktur, die durch Raubgräber geschnitten wurde. Unterirdische Kammern bei den Klassischen Maya konnten verschiedene Funktionen haben, beispielsweise als Wasserzisterne, Vorratsspeicher, Abfallgrube oder Grabstätte. Der Freilegung der Untergrundkammer und die Analyse der enthaltenen Materialien sollte entsprechend helfen, eine mögliche Wohnfunktion auszuschließen und die angenommene zeremonielle Bedeutung nachzuweisen. Die Verfüllung der Untergrundkammer bestand zunächst aus rezentem Abfall und jede Menge Kuhknochen, doch weiter unten wurden vorspanische Keramikscherben, ein Feuersteinschaber und Abfallreste aus der Steinbearbeitung gefunden. Während diese Artefakte keine eindeutigen Schlüsse auf die Funktion der Gruppe zulassen, stießen wir am Boden der Grabung, in etwa 2,40 m Tiefe auf Steinplatten, wie sie häufig zum Zudecken von Gräbern genutzt wurden. Leider war es aufgrund des begrenzten Raums nicht möglich, unter die Steinplatten zu schauen. Die Säuberung und Ausgrabung der Raubgrabung im Hauptgebäude sollten Informationen über die Bauphasen und die Funktion über die Präsenz von diagnostischen Artefakten liefern, welche ebenfalls Aufschluss über die vermeintliche zeremonielle Rolle der Gruppe geben konnten. Die Annahmen über die Bauweise aus der früheren Grabung im Zentrum der Struktur bestätigten sich und es lässt sich zusammenfassen, dass es eine Kalksteinerhebung die Basis für eine Plattform genutzt wurde, die mit Geröll aufgeschüttet und mit Pflastersteinen geebnet wurde. Darüber wurde eine Grundmauer errichtet und der Boden mit Stuck ausgekleidet. Der obere Teil der Struktur bestand aus vergänglichen Materialien, vermutlich Holzpfosten, ein Palmendach und Wände aus Flechtwerk und Lehmbewurf, wie es in traditionellen Häusern heute noch sichtbar ist. Überraschenderweise wurde bei dieser Ausgrabung eine weitere unterirdische Kammer unter der Nordwestecke der Plattform freigelegt, die jedoch eher einer Höhle ähnelt. Des Weiteren wurden Fragmente von Räuchergefäßen und Obsidianklingen gefunden, die in diesem Zusammenhang auf rituelle Aktivitäten schließen lassen.

Außerhalb der Arbeitszeiten im Projekt bekam ich die Gelegenheit, bereits einige Orte zu besuchen, die ich in meinem Postdoc-Projekt näher untersuchen möchte. Zum einen besichtigte ich zusammen mit dem Grabungsteam des Tzikin Tzakan Projekts die archäologische Stätte Buenos Aires im Süden von Melchor de Mencos. Zum anderen lokalisierte ich mit Freunden aus der Umgebung eine 500 m breite und 150 m tiefe Karstdoline, die im zentralen Seenbecken ca. 9 km nördlich des Dorfs El Zapote und der Landstraße CA-13 liegt. Das Innere des großen Senklochs ist von dichtem Wald bedeckt, aber wir konnten es nicht betreten, da wir es von der Nordseite aus erreichten, wo die Wand aus einer steilen Klippe bestand. Aus diesem Grund planten wir, zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen.

Das Ende der Saison ging leider nicht gut für mich aus. Die anfangs beschriebe Hygienesituation und die harten Bedingungen während der Ausgrabungen bescherten mir eine starke Dehydration und verschiedene Krankheitssymptome, deren Verursacher letztendlich nach zwei Nächten im Krankenhaus von San Benito als Amöbenruhr diagnostiziert wurde. Immerhin konnte ich alle Feldtätigkeiten rechtzeitig abschließen.

Forschungsbasis auf historischer Insel und Besuch des Tayasal Projekts

Nach Beendigung der Grabungssaison in Tzikin Tzakan verlagerte ich meine Forschungsbasis in die Inselstadt Flores. Sie liegt im Südausläufer des größten Sees des Petén Departments, dem Lago Petén Itzá, und ist über einen 500 m langen Brückendamm mit dem Festland verbunden, allerdings erst seit 1970 – davor war es eine „richtige“ Insel. Flores ist ein beliebter Tourismusort, aber auch eine sehr geschichtsträchtige Stadt: als Bastion der Itza‘ Maya namens Nojpeten, deren Eroberung durch die Spanier im Jahr 1697 das Ende der postklassischen Maya-Zentren markiert; als kolonialzeitliches Zentrum, das fern abgelegen im damals noch ausgedehnten Dschungel als Außenposten fungierte, jedoch seinen Namen erst nach der Unabhängigkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ehrung des liberalen Politikers Cirilo Flores Estrada erhielt; als Posten für den Handel von Kautschuk und Edelhölzern im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert; und heute schließlich als Tourismusort und Verwaltungssitz eines großen Bezirks.

Flores ist außerdem ein wichtiger Knotenpunkt für archäologische Projekte im Petén, was meinem Networking-Plan sehr zugute kam. Einige Projekte haben ihr Projekthaus direkt auf der Insel etabliert, wie das Nakum Projekt, das Nixtunchich Projekt und das Ucanal Projekt. Während die meisten Projekte dieses Jahr zwar nicht vor Ort waren, bekam ich die Gelegenheit, Christina Halperin von der Université de Montréal in Kanada und ihr Team vom Ucanal Projekt kennenzulernen und eine Kollaboration vorzubereiten. Außerdem traf ich die Bonner Doktorandin Marie Botzet und ihr Team, die derzeit in der Stätte Zapote Bobal arbeiteten und mit denen ich mich ebenfalls über mein Projektvorhaben austauschen konnte. Des Weiteren leben einige Archäologen in der Region im Flores, mit denen ich eine Zusammenarbeit anstrebte, insbesondere Rosa María Chan, die sich mit der nachhaltigen Verwaltung von Kultur- und Naturerbe beschäftigt, und Mara Reyes vom Projekt Átlas Arqueológico de Guatemala („Archäologischer Atlas von Guatemala“ oder kurz „Atlas-Projekt“).

Nachdem ich mich von meiner Krankheit erholt hatte, unternahm ich verschiedene Ausflüge zu archäologischen Projekten und Expeditionen zu unerforschten Stätten. Der erste Ausflug führte mich nach Tayasal, eine archäologische Stätte direkt gegenüber von Flores oder Nojpeten, deren Geschichte bis in die Zeit der frühesten Keramiken, sogenannte Pre-Mamom, zu Beginn des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung zurückreicht. Ich wurde dort von der Keramikspezialistin Sheily Hernández und dem Archäologen Jorge Chocón empfangen und erhielt daraufhin von Jerssón Hércules, einem der Grabungsschnittleiter, einen Rundgang zu den aktuellen Grabungen. Jorge Chocón ist genau wie Mara Reyes eine leitende Funktion beim Projekt Átlas Arqueológico de Guatemala und stellt somit für mich einen wichtigen Kontakt dar. Im Rundgang lernte ich einige sehr spannende Fakten über die Stätte kennen, zum Beispiel, dass der lokale Kalkstein von sehr geringer Qualität ist, weshalb in der früheren Geschichte von Tayasal eine Konstruktionsweise mit einer Mischung aus Mörtel und harten Kalksteinen („piedras de fuego“, nicht zu verwechseln mit Feuerstein) entwickelt wurde. Jerssón führte mich von einer triadischen Gruppe, eine typisch präklassische Konstellation aus drei pyramidalen Strukturen, zu einem Wohnkomplex mit einem ausgeklügelten hydraulischen System, einem Plaza-Komplex mit zentraler Struktur und Stele und schließlich zur Akropolis, einer gigantischen Plattform mit langen Palastgebäuden und Elitebehausungen. Letztendlich ist der wissenschaftliche Wert von Tayasal in meinem Postdoc-Projekt neben der lokalen Ressourcennutzung insbesondere durch eine Reihe von Felsbildern gegeben, welche auf überregionale Kontakte hindeuten. Leider waren diese zum Zeitpunkt meines Besuchs nicht sichtbar, doch ich konnte stattdessen wichtige Kontakte knüpfen, die mir im weiteren Verlauf von großem Nutzen waren.

Besuch des Projekts Átlas Arqueológico de Guatemala in Dolores

Der nächste Ausflug führte mich nach Dolores, einem Ort, der von ebenso historischer Bedeutung ist wie Flores und während der Kolonialzeit ein ähnliches Schicksal erlitt. Allerdings gehörte Dolores, damals bekannt unter dem Namen Ixtanché, nicht zum Territorium der Itza‘, sondern war von den Mopan Maya bewohnt und ist es zum Teil auch heute noch. Mein Interesse an Dolores im Kontext dieser Forschungsreise rührte daher, dass sich dort der Hauptsitz des Projekts Átlas Arqueológico de Guatemala befindet. Dank des Kontakts von María José hatte ich das Glück, das Atlas-Projekt bei einer dreitägigen Expedition zur Dokumentation von sechs archäologischen Stätten im Oberlaufgebiet des Mopan-Flusses begleiten zu dürfen.

Zuerst ging es nach Sacul, einer Stätte mit zahlreichen Stelen und monumentaler Architektur auf einem ausgedehnten Plateau von mindestens 50 m Höhe. Die zweite Stätte war Ixtonton, direkt am Eingang von Dolores gelegen. Besonders prägnant an diesem Ort ist eine 1,4 km lange Dammstraße, die in einem rechten Winkel geknickt ist und die verschiedenen Sektoren des ehemaligen Zentrums miteinander verbindet. Zum Abschluss des ersten Tags ging es nach Ixkun, wo sich die größte Stele in ganz Petén befindet.

Der zweite Tag begann mit einer Expedition zu der Stätte Ixtutz, die weiter abgelegen von der Straße liegt. Dieser relativ kleine Monumentalkomplex, gelegen inmitten eines kleinen Feuchtwalds, umfasst ein astronomisches Observatorium und einen Palastkomplex mit breiten Treppenaufgängen neben einigen kleineren Gruppen. Danach fuhren wir zur Stätte Curucuitz, die nur 4 km von Ixtutz entfernt liegt und vor allem durch ihre enorme Akropolis heraussticht. Aufgrund der jüngeren Brandrodung des Gebiets, das vollständig aus Privatgrundstücken besteht, waren ihre Strukturen besonders gut sichtbar. Die letzte Stätte ist Suk Che‘, deren Hauptgruppe in einem astronomischen Observatorium besteht. Den Nachmittag nutzten wir für einen Besuch des Regionalmuseums des Südostens von Petén, in dem unter anderem zahlreiche Artefakte und Monumente aus den besichtigten Stätten ausgestellt sind.

Den Morgen des dritten Tags verbrachten wir mit einem wiederholten Besuch von Curucuitz, um weitere Drohnenfotos der Stätte aufzunehmen. Zurück in Dolores bereiteten wir zum Abschied einen Grill vor, besorgten zehn Avocados, verschiedenes Gemüse und Fleisch für sieben Expeditionsteilnehmer und weitere Mitarbeiter des Atlas-Projekts, unter anderem auch Mara Reyes, die an jenem Tag von Santa Elena zurückkehrte. Schließlich machte ich mich auf den Rückweg nach Flores, um weitere Ausflüge zu planen.

Besuch des Archäologischen Projekts Süd-Tikal (PAST)

Etwa eine Woche nach meinem Besuch in Dolores wurde ich von Edwin Roman, Leiter des Archäologischen Projekts Süd-Tikal, eingeladen, um das Projekt und seine aktuellen Grabungen kennenzulernen und eine mögliche Kollaboration zu besprechen. Trotz der Tatsache, dass mein Besuch des Tikal-Projekts zu kurz war, um die für mein Postdoc-Projekt relevanten Stätten in der Peripherie von Tikal inspizieren zu können, war er sehr aufschlussreich. So durfte ich die Arbeiten in der Wohngruppe mit dem berühmten Teotihuacan-Altar und in der Südakropolis besichtigen, wobei ich erstaunt war, wie selbstverständlich das Anlegen von Tunneln als archäologische Methode zur Untersuchung von Substrukturen eingesetzt wurde – praktisch jedes Grabungsteam wandte diese durchaus komplizierte und riskante Technik an. Außerdem konnte ich mich bei dieser Gelegenheit mit Edwin Roman über die ländlichen Siedlungen austauschen und die Bedingungen der Projektmitarbeit besprechen.

Expedition nach Salsipuedes 1 und Los Altos

Kurz vor Ende meines Aufenthalts in Flores gelang es mir, zwei lang erwartete Expeditionen zu organisieren. Dazu kehrte ich zurück nach La Pólvora, wo ich mich mit meinem langjährigen Freund Emnett Marroquín traf. Der Plan bestand darin, zuerst die nahegelegene archäologische Stätte Salsipuedes 1 aufzusuchen und am Folgetag eine weitere Expedition zur Karstdoline und der angrenzenden Stätte Los Altos durchzuführen. Die Orte wurden per Motorrad erreicht, was insbesondere in letzterem Fall besser geeignet war als ein Vierradvehikel, da das Gelände besonders rau war und teilweise aus schmalen Waldpfaden bestand. An beiden Orten unternahm ich Drohnenflüge, um Luftbilder aufzunehmen und Photogrammetriemodelle zu kreieren.

Salsipuedes 1 liegt in der Nähe des Arroyo Salsipuedes, ein Zufluss des Mopan-Flusses, und ist von einem kleinen Wäldchen bedeckt. Jedoch befindet sie sich vollständig in Privatgrundstücken und weist zahlreiche gravierende Raubschnitte auf, die weder das große astronomische Observatorium noch die umliegenden kleineren Strukturen verschonten. Ein lokaler Landbesitzer führte uns zu den Strukturen des monumentalen Kerns und erzählte uns von den Funden der Raubgräber, inklusive einiger Monumente, die angeblich wieder vergraben wurden und sich heute noch vor Ort befinden sollen.

An der Expedition nach Los Altos nahmen neben dem Autor vier Personen aus den Gemeinden La Pólvora, La Máquina, Las Viñas und El Zapote teil. Nach einer 40-minütigen Anfahrt durch schroffes Gelände erreichten wir die Südwestkante der Karstdoline. Von dort begannen wir den steilen Abstieg ins Innere der Doline, wo wir ein reiches Ökosystem mit verschiedenen Urwaldbäumen und einer großen Vielfalt an Pflanzen und Vögeln vorfanden. Am tiefsten Punkt des Senklochs befand sich ein Wäldchen aus Pacaya-Palmen, in dem ein sehr feuchtes Klima herrschte. Abgesehen davon fielen uns am Hangfuß der Doline einige Mauern auf, die auf eine Nutzung zur vorspanischen Zeit hindeuten und möglicherweise zu einem Terrassenkomplex oder einem Zugang zur Doline gehörten. Die Inspizierung der Umgebung der Doline und die Analyse der Drohnendaten haben ergeben, dass die Gegend zu einem hohen Grad besiedelt war. Mit ihrem einzigartigen Mikroklima war das Senkloch selbst zweifellos ein wichtiger Lieferant von Ressourcen von pflanzlicher und tierischer Art, aber auch eine Quelle für Ton in der Keramikherstellung sowie Stein und Minerale. Der Aufstieg zurück an die Oberfläche war erwartungsgemäß sehr beschwerlich, wurde jedoch begünstigt durch den reichen Bewuchs aus Lianen, Palmen und anderen widerstandsfähigen Pflanzen, die beim Klettern Halt boten. Nach einem gemeinsamen Abendessen nahm ich den letzten Mikrobus zurück nach Flores.

Reise-Epilog: Die letzten beiden Wochen in Guatemala-Stadt

Die Rückkehr nach Guatemala-Stadt am 14. Juli sorgte bei mir für ein Gemisch aus Besorgnis aufgrund der schweren Erdbeben in der Woche zuvor und der Vorfreude auf die wichtigste Konferenz der guatemaltekischen Archäologie. Die heutige Hauptstadt von Guatemala ist gezeichnet von Gegensätzen – auf der einen Seite ein eindrucksvoller Ort mit historischen Bauten aus allen Epochen, von den verstreuten Ruinen der vorspanischen Stätte Kaminaljuyu über kolonialzeitliche Klöster und Kirchen bis hin zu klassizistischer Architektur, Jugendstil und modernistischen Gebäuden aus der jüngeren Geschichte; auf der anderen Seite ist Guatemala-Stadt ein Ballungsraum mit hoher Kriminalitätsrate und Armutsquote. Außerdem liegt sie in einem Vulkangebiet unweit der Grenze von drei tektonischen Platten, welche zu den besagten Erdbeben führte, teilweise mit zerstörerischen Folgen. Obwohl die Warnapp fast täglich Erdbeben ankündigte, war im Endeffekt keines davon an meinen Aufenthaltsorten zu spüren.

Die erste Woche nutzte ich für einen Besuch des Archivs im Institut für Anthropologie und Geschichte (IDAEH), um einen Grabungsbericht zu einer der Stätten für mein Postdoc-Projekt einzusehen. Das IDAEH befindet sich in der, nach dem schweren Erdbeben von 1976 wiederaufgebauten kolonialzeitlichen Klosteranlage Santo Domingo, was der Forschungsinstitution eine sehr einladende Atmosphäre verleiht. Außerdem besuchte ich meine neu gewonnenen Freunde von meinem Ausflug nach Dolores, die in der Nähe ein Kulturhaus etablierten und zu diesem Zeitpunkt eine Ausstellung zu der im Petén gelegenen Stätte El Mirador aufbauten.

In der zweiten Woche wurde im Museo Nacional de Arqueología y Etnología (MUNAE) die internationale Konferenz "38 Simposio de Investigaciones Arqueológicas en Guatemala" abgehalten. Obwohl das Programm im Vergleich zu den Vorjahren etwas ausgedünnt erschien, war das Symposium gut besucht. Neben dem thematischen Schwerpunkt dieses Jahres „Repräsentationen des Territoriums, der Stadt und des Dorfs“ wurde eine große Bandbreite von Themen abgedeckt, sei es die Vorstellung der jüngsten Ergebnisse von archäologischen Grabungen, Materialstudien, Raumanalysen, LiDAR-Daten und neuen epigraphischen Entzifferungen, die teils kontroversen Diskussionen von Kulturellem Erbe, der Bedeutung und Umgestaltung des Museums oder die Präsentation von Studien zu Archäologie und Umweltaspekten in bestimmten Regionen und Epochen. Nach den Vorträgen gab es fast jeden Tag Abendveranstaltungen, die im MUNAE, im Museo Popol Vuh und in der französischen Botschaft stattfanden. Ich war mit meinem Vortrag in einer der thematischen Sitzungen am Mittwoch eingeplant und präsentierte einen entscheidenden Teil der Ergebnisse meiner Doktorarbeit. Ausgehend vom Hauptthema des Symposiums gestaltete ich den Vortrag als Vorschlag einer neuen Methodik zur Identifizierung von Wohnvierteln in archäologischen Maya-Stätten.  Im Rahmen des Symposiums sah ich viele alte bekannt wieder, aber auch neu gewonnene Kontakte und Freunde, u.a. Christina Halperin, Rosa María Chan, Mara Reyes, Jorge Chocón, Jerssón Hércules, und lernte neue Kollegen kennen, z.B. Jorge Cáceres vom Atlas-Projekt. Was mich besonders erfreute, war das unerwartete Zusammentreffen mit meinen Freunden aus dem Petén, die teilweise zum ersten Mal an einem Simposio de Investigaciones Arqueológicas en Guatemala teilnahmen.

 Die Forschungsreise nach Guatemala dauerte ca. zweieinhalb Monate und sollte dazu dienen, die Grundbedingungen für eine vergleichende Studie im Rahmen zu schaffen. Dieses Anliegen hat sich als sehr erfolgreich herausgestellt. Es wurden verschiedene Kollaborationen mit archäologischen Projekten vorbereitet und Stätten im Petén besucht, die für detailliertere Fallstudien in Frage kommen. Selbst die Orte, die nicht direkt Gegenstand des Postdoc-Projekts sein werden, haben dabei geholfen, die Methodik zu evaluieren. Insbesondere die Vernetzung mit anderen Wissenschaftlern und lokalen Interessengruppen konnte im gesamten Verlauf der Reise vorangetrieben werden, bis hin zur finalen Konferenz in Guatemala-Stadt. Nun gilt es, die neuen Kontakte und das gelernte Wissen für den Aufbau eines größeren Postdoc-Projekts zu nutzen.

 Ein Bericht von Paul Graf

Lejla Smjecanin
Stabsstelle Stiftung und Fundraising I Bonner Universitätsstiftung
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