Ich habe dieses Jahr eines der Forum Humanum Fellowships verliehen bekommen, die von der Udo Keller Stiftung und der TRA4 unserer Universität finanziert und jährlich am Internationalen Zentrum für Philosophie ausgeschrieben werden. Diese Fellowships ermöglichen die Teilnahme an den Veranstaltungen des Institute for Philosophy and the New Humanities (IPNH), einer Kollaboration unserer Universität mit der New School for Social Research und dem Kyoto Institute for Philosophy. So konnte ich diesen September an zwei interdisziplinären Workshops zu Künstlicher Intelligenz teilnehmen: "Iconoclasm in the Age of AI" in New York und "The Social Ontology of AI" in Kyoto.
Flugreisen sind für mich eine große Herausforderung, da ich mit dem Hypermobilen Ehlers-Danlos-Syndrom, einer Bindegewebserkrankung, und damit einhergehenden Sekundärerkrankungen lebe. Dazu zählen Gelenkinstabilitäten, Durchblutungsstörungen und viele weitere, die bei langen Flügen zu starken Schmerzen und neurologischen Symptomen führen, wenn ich nicht regelmäßig die Sitzposition wechseln und die Beine hochlegen kann – das ist nur in der Business Class möglich. Das notwendige Upgrade ist mit immensen Mehrkosten verbunden, weshalb ich der Bonner Universitätsstiftung für die erhebliche finanzielle Entlastung durch das mir gewährte Reisekostenstipendium ausgesprochen dankbar bin.
Die Runde der Fellows setzte sich aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen zusammen. Wir kannten uns zuvor kaum oder gar nicht, und dennoch entstanden schnell lebhafte Diskussionen, die wir oft nach Ende der Sitzungen weiterführten. Innerhalb der einen Woche in New York entwickelte sich eine tolle Gruppendynamik, die wir wenige Wochen später in Kyoto ohne Weiteres aufgreifen und weiter vertiefen konnten – obwohl die zweite Woche einen ganz anderen Zugang zum Thema bot. Hier durften wir nämlich der 1st Kyoto Conference beiwohnen, bei der unter anderem Vertreter*innen aus Philosophie und Wirtschaft sowie Künstler*innen und Ingenieur*innen zum Austausch über KI zusammenkamen.
Im Nachgang beschäftigt mich vor allem eine der aufgeworfenen Fragen: Was genau unterscheidet ein Foto von einer Zeichnung? Auf Anhieb scheint die Antwort simpel: Ein Foto ist eine Momentaufnahme, die einen testimonialen Wert hat. Soll heißen: Wenn ein Foto jemanden beim Begehen eines Verbrechens zeigt, so halten wir dieses für ein Zeugnis dessen, dass die abgebildete Person jenes tatsächlich begangen hat. Handelte es sich stattdessen etwa um eine Zeichnung, würden wir dieser keine solche Beweiskraft zusprechen. Es ist jedoch keine inhärente Eigenschaft eines Fotos, wahrhaftige Repräsentation eines Moments geschweige denn eines Menschen zu sein. Fotografie und Fotomanipulation gingen seit jeher Hand in Hand – ob durch Inszenierung oder nachträgliche Bearbeitung. „Was ich als Foto erkenne, ist nun mal eines“ reicht auch nicht aus; zahlreiche Zeichnungen werden für Fotos gehalten. Intuitiv scheint es aber der Fall zu sein, dass Fotos etwas Eigenartiges an sich haben: Stelle ich mir vor, eine fremde Person nähme ungefragt ein Foto von mir auf, könnte dieses bis ins Unerkenntliche verschwommen sein, und dennoch wirkt dies eigenartig übergriffig. Eine Zeichnung, selbst eine auf der ich identifizierbar wäre, hätte nicht den gleichen emotionalen Effekt. Noch komplizierter wird es unter Berücksichtigung generativer KI-Technologien. Wie verändern KI-generierte Bilder unsere Auffassung von Fotos als Beweisstücke, wenn wir diese nicht mehr verlässlich von KI-generierten Bilder unterscheiden können?
Für mich ist die Einordnung in meinen eigenen Forschungskontext, die analytische Sexphilosophie, am spannendsten. Ich forsche an der Schnittstelle der feministischen Rechts- und Sprachphilosophie, wobei es mir ein Anliegen ist, die rasante Verbreitung von KI-Technologien in meiner Forschung zu berücksichtigen. Ich befasse mich daher seit einiger Zeit mit der philosophischen Analyse von KI-generierten pornographischen Inhalten, vornehmlich sogenannte Deepfakes, die echte Personen imitieren sollen. Für mich ergab sich aus den Überlegungen daher direkt eine Forschungsfrage, der ich mich in der kommenden Zeit widmen möchte: Haben Deepfakes von uns eventuell die gleiche persönliche, emotionale Komponente, die Fotos von uns zu haben scheinen? Und falls ja, wie können wir sie dann ihrem Wesen nach von Fotos unterscheiden?
Ein Bericht von Marlene Sieverdingbeck