Im Juni 2025 hatte ich die Gelegenheit, am International Society for Ethnology and Folklore (SIEF) Kongress in Aberdeen, Schottland, teilzunehmen. Diese Veranstaltung ist eine der größten internationalen Plattformen für Fächer der empirischen Kulturwissenschaft, europäischen Ethnologie, Volkskunde, Kulturanthropologie und angrenzenden Bereiche. Der diesjährige Kongress, der unter dem Thema „Unwriting“ stattfand, bot mir die Möglichkeit, in meinem Forschungsgebiet einen wichtigen Aspekt meiner Forschungsmethodik im Rahmen solidarischer ethnografischer Forschungsbeziehungen einem internationalen Fachpublikum vorzustellen und zu diskutieren und dadurch u.a. mein akademisches Netzwerk zu stärken.
Mein aktuelles Dissertationsprojekt befasst sich mit queeren Communities in westdeutschen Großstädten und untersucht, wie diese Gruppen in Alltagswelten, geprägt von zivilem Engagement und Aktivismus, ihre Vorstellungen von fürsorglichem und solidarischem Zusammenleben prägen. Dabei erforsche ich, wie kollektive Fürsorge und Solidarität neue, transformative Arrangements schaffen, die gleichzeitig kenntliche Konfliktlinien aufgrund intersektionaler Betroffenheiten sichtbar machen. Diese Problematik wird durch die zunehmenden Herausforderungen des Neoliberalismus und antidemokratischer politischer Entwicklungen verstärkt.
Während des Kongresses nahm ich am Panel „Unwriting solidarity and rethinking responsibility in ethnographic research“ teil, in dem ich mit sieben weiteren internationalen empirischen Kulturwissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Türkei die Bedeutung und Herausforderungen der Überschneidungen von Wissenschaft und Aktivismus diskutierten konnte. Insbesondere behandelten wir die Frage, wie solidarische Ethnografie und kritische Analyse gemeinsam gedacht werden können.
Mein Vortrag im Rahmen dieses Panels zielte darauf ab, die epistemologischen Grenzen und Verantwortlichkeiten innerhalb von ethnografischer Forschung im Kontext von queerem Aktivismus zu beleuchten. Dabei betonte ich auch, wie zentrale Aspekte meiner Forschung – wie Vertrauen und Verletzlichkeit – als Schlüssel für eine engagierte und kollaborative Forschung dienen können. Ich argumentierte zudem, dass queere Praktiken der Solidarität in Bewegungen wie der Pride transformative Potenziale bieten, um gegenwärtige Vorstellungen von Normen und Machtstrukturen zu hinterfragen.
Der Besuch des SIEF Kongresses ermöglichte es mir, mich mit anderen Wissenschaftler*innen zu vernetzen und wertvolle Erkenntnisse auszutauschen, die mein Verständnis über die Rolle ethnografischer Forschung zur Bildung verantwortungsvoller, demokratischer Zukünfte weiter vertiefen. Das interdisziplinäre Umfeld des Kongresses eröffnete mir nicht nur Perspektiven im internationalen wissenschaftlichen Dialog, sondern bot auch Anknüpfungspunkte, sich mit aktuellen politischen Debatten auseinanderzusetzen und dem entgegenzuwirken. Dabei war es besonders wichtig, neue Wege des Verstehens und Handelns in von Krisen geprägten Zeiten zu beleuchten und darüber nachzudenken, welche Rolle (queere) Utopien und die Dekonstruktion bestehender, Ungleichheit verstärkender Strukturen für alternative Gesellschaftskonzepte spielen können.
Insgesamt bot die Teilnahme am SIEF Kongress 2025 nicht nur eine Plattform zum wissenschaftlichen Austausch, sondern auch die Gelegenheit, die Themen meiner Dissertation zu vertiefen und im internationalen Kontext zu positionieren. Dies trug wesentlich dazu bei, solidarische Ethnografie als Teil einer transformative Praxis und kritischen Forschungshaltung zu betrachten, woraus innovative Szenarien für solidarisches Zusammenleben und eine gerechtere Zukunft eröffnet wurden.
Ein Reisebericht von Sascha Sistenich