18. August 2026

Mit der Bonner Universitätsstiftung nach Japan Mit der Bonner Universitätsstiftung nach Japan

Im September 2025 hatte Tabea Kosuch, Masterstudentin der Philosophie an der Universität Bonn, die Möglichkeit an der 1st Kyoto Conference 2025: Toward the Realization of a „Multilayered Society of Values“ teilzunehmen. Im folgenden Bericht erzählt sie von ihrer Reise nach Japan, die mit einem Reisekostenstipendium aus den Mitteln der Adam Haker Stiftung gefördert wurde.

Unterwegs auf den Straßen von Kyoto!
Unterwegs auf den Straßen von Kyoto! © Tabea Kosuch
Alle Bilder in Originalgröße herunterladen Der Abdruck im Zusammenhang mit der Nachricht ist kostenlos, dabei ist der angegebene Bildautor zu nennen.
Bitte füllen Sie dieses Feld mit dem im Platzhalter angegebenen Beispielformat aus.
Die Telefonnummer wird gemäß der DSGVO verarbeitet.

Ich bin Masterstudentin der Philosophie an der Uni Bonn und schon seit einigen Jahren an der japanischen Sprache und Kultur interessiert. Als ich von der Kyoto Conference des KIP (Kyoto Institute of Philosophy) gelesen habe, haben sich zwei Welten verbunden, in denen ich mich gerne bewege – die der Philosophie und die Japans.

Das Programm, an dem ich teilgenommen habe, bestand aus der Konferenz und darüber hinaus zwei Workshop-Tagen, sowie einer anschließenden, optionalen Tour zu zwei Schreinen in Kyoto und traditionellem Mittagessen. Alles lief unter dem Thema „The Social Ontology of AI“ – also die Frage nach der Natur des Sozialen, nach der existenziellen Beschaffenheit und dem Zusammenspiel von (in diesem konkreten Fall) KI und sozialen Strukturen. Das bedeutet z.B. die Auseinandersetzung mit unterliegenden Werten und die Untersuchung der gegenseitigen Beeinflussung von Technologie und der menschlichen sozialen Welt.

ANKUNFT IN JAPAN

Nach meinem etwa 15 Stunden Flug nach Tokio und anschließender Bahnreise mit dem Shinkansen „Nozomi“ (meine Güte fährt der schnell) nach Kyoto, kam ich Vormittag in meinem Hostel an. Auf der Toilette war ich mit der Menge der Knöpfe überfordert und brauchte einige Minuten, das Drücken aller Knöpfe und am Ende meinen Google-Übersetzer, um festzustellen, dass die Spülung sich nicht hinter einem der beschrifteten Knöpfe an der Wand, sondern in Form eines Metallhebels an der Rückseite des Spülkastens verbarg. Nachdem ich erfolgreich diese aufregende Reise auf die Toilette beendet, und all die Geschichten, die ich über japanische Toiletten gehört, für akkurat erklärt hatte, stapelte ich mein Gepäck in der Lobby des Hostels und stellte mich am Tresen vor. Da ich noch nicht auf mein Zimmer konnte, beschloss ich die Gegend zu erkunden und mir einen Ort zum Mittagessen zu suchen. Auf dem Weg von der U-Bahn-Station zum Hostel hatte ich den Duft von Curry gerochen und so versuchte ich, durch die kleinen Gässchen Kyotos, den Weg dorthin zurückzufinden. Nach etwa 15 Minuten hatte meine Nase mich zum Curry zurückgeführt!

Das Restaurant war mini klein und hatte zu meinem Glück neben der japanischen auch eine englischsprachige Karte draußen hängen. Als ich die Tür öffnete, stieß sie gegen ein kleines Glöckchen, welches den Besitzern vermittelte, dass ein neuer Gast das Restaurant betreten hatte.  Ich erschrak als der Kellner direkt hinter der Tür stand und mich mit höflicher Verbeugung bat, draußen zu warten, da alle Plätze an der schmalen Theke besetzt waren. Also wartete ich noch etwas länger vor der Tür, und versuchte nicht so müde auszusehen, wie ich mich fühlte. Die feuchte Hitze Kyotos war noch ungewohnt für mich und verschlimmerte meine Erschöpfung. In Deutschland war es Mitte September auf herbstliche 16-22 Grad abgekühlt, und dass hier in Japan noch über 30 waren strengte mich ziemlich an - auch wenn ein Teil von mir froh um den verlängerten Sommer war.

Als ich reingebeten wurde, nahm ich Platz an der Theke (es gab außer der langen Theke in dem schmalen, aber tiefen Raum keine Sitzplätze), und bestellte ein Hähnchen Curry mit Reis - die kleinste Portion. Ein Vorteil, wenn alle wie die Hühner auf der Stange an der Theke sitzen, ist, dass man häufig beim Kochen zuschauen kann. Während ich auf mein Essen wartete, lernte ich, dass man in Japan zum Essen in den Restaurants immer kostenloses Wasser dazubekommt. Ich bekam ein Glas mit Eiswürfeln und die Frau hinter der Theke deutete auf eine der 5 Wasserkaraffen zur Selbstbedienung, die verteilt bereitstanden. Ich schenkte mir ein und nahm einen großen, erfrischenden Schluck des kalten Wassers.

Das Essen war vorzüglich! Heißes, leicht scharfes Curry – und hier aß ich auch zum ersten Mal meine liebste Neuentdeckung – eingelegte, fermentierte Pflaumen, Gürkchen und Rüben, fein gewürfelt und kalt, auf dem heißen Reis serviert. Der Koch fragte mich in gebrochenem Englisch, wo ich herkam, und erwiderte auf meine Antwort begeistert, dass er vor 10 Jahren auch einmal in Deutschland gewesen war.

Nachdem ich aufgegessen hatte, zahlte ich am Ausgang mit der Karte (zu meinem Glück war Kartenzahlung möglich, ich hatte mir noch kein Bargeld organisiert) und verließ den Laden, zurück in die Mittagshitze. Auf den Rückweg machte ich noch einen Stopp in einem süßen Café, und trank einen kalten „Hand Drip Coffee“- eine Filterkaffeevariante, die in Japan relativ häufig getrunken wird. Auch der Kaffee allerdings hatte Mühe, meine Müdigkeit einzudämmen. Obwohl es im Café so kalt war, dass ich fast fror, hatte das Gefühl ich würde einschlafen, sobald ich mich nicht völlig darauf konzentrierte wachzubleiben. Aber um dem Jetlag entgegenzuarbeiten hatte ich mir vorgenommen, erst am Abend ins Bett zu gehen, egal wie müde ich war. Trotzdem ging ich nach dem Kaffee zurück zum Hostel, um einzuchecken und endlich zu Duschen!

DER ERSTE TAG

In der ersten Nacht schlief ich so tief wie lange nicht. Morgens wurde es um kurz nach fünf bereits hell, und ich war so gespannt auf den Tag, dass es mich trotz anhaltender Erschöpfung nicht im Bett hielt. Da ich so früh bereit war, entschied ich, 45 Minuten zu Fuß am Flussufer des Kamo (der große Fluss, der durch Kyoto fließt) entlang zum ersten Ort des Workshops zu gehen, anstatt mich mit dem Bus-System auseinander setzen zu müssen. Am Flussufer war die Temperatur erträglich, auch wenn schon morgens zu ahnen war, wie heiß der Tag werden würde. Viele Fotos und Mückenstiche später fand ich die Adresse meines Zielorts in einer Seitenstraße - das Tachibana Dormatory der Kyoto University.

Das Gebäude ist ein traditionelles, japanisches Haus mit Zen Garten, das als Behausung für GastprofessorInnen dient, und eben auch als Ort für Seminare genutzt werden kann. Am Eingang zog ich meine Schuhe aus (ich bereute es Schnürschuhe gewählt zu haben) und schlüpfte in ein paar der bereitstehenden Hausschuhe. Auf dem hellen, weichen Teppichboden fühlte sich direkt alles gemütlich an. Mit nun fast lautlosen Schritten begab ich mich zum Seminarraum, nahm mir einen Kaffee mit Eiswürfeln und setzte mich zu den anderen an den U-förmigen Tisch. Neben mich setzte sich einer der Studenten der Kyoto University, mit dem ich mich später anfreunden und von dem ich die spannendsten Kleinigkeiten über japanische Sprache und Kultur lernen durfte. Zunächst war aber zurückhaltende und höfliche Begrüßung die einzige Interaktion, die ich mit den Studierenden und ProfessorInnen der New School aus New York, und des Kyoto Institute of Philosophy hatte.

Nach einer ausführlichen Begrüßung bestehend aus Input Vortrag mit folgender Vorstellungsrunde und daran anschließendem Mittagessen, zogen wir weiter zum Universitätsgebäude, um uns den ersten Keynote-Vortrag anzuhören. Einige anregende Diskussionen später stand ich mit den anderen studierenden in einem Lawson (einer der kleinen Kioskartigen Supermärkte) und übersetzte mir mithilfe meines Handys die Zutatenlisten auf Instant-Nudel Paketen. Ich hatte beschlossen mich für alle Fälle damit einzudecken, um zwischendrin im Hostel schnelle und günstige Mahlzeiten parat zu haben. Durch das regelmäßige Zücken meines Handys fiel mir mein Room-Key, also meine Chipkarte zum Aufschließen meines Zimmers, zwischen den Regalen aus der Hosentasche - ohne, dass ich es merkte. Ich stellte ihr fehlen erst 40 gelaufene Minuten und diverse Mückenstiche später fest. (An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich nicht mit 100% Sicherheit sagen kann, dass ich die Karte im Lawson verloren habe, ich habe sie nie wieder gefunden. Allerdings scheint mir diese Variante der Geschichte am plausibelsten.) In jedem Fall entschied ich mich dagegen, durch die Hitze zurückzulaufen, mit der geringen Wahrscheinlichkeit die Karte unterwegs zu finden, und dafür, zu hoffen, dass ich im Hostel kein Vermögen für meinen Fehler zahlen müsste.

Im Hostel zurück kostete mich mein Schlüsselkarten-Verlust zum Glück nur eine Gebühr von 1000 yen (zu dem Zeitpunkt etwa 5,70€), und ich verzog mich nach dem Erhalt einer neuen Schlüsselkarte erleichtert in mein kühles Zimmer. Abends erkundete ich die Stadt und besuchte einen Schrein, bevor ich erschöpft ins Bett fiel.

KONFERENZ TAGE

Dienstag war der erste Tag der großen Konferenz. Ich war erneut beeindruckt von der Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der Bahnen, und noch beeindruckter, als ich aus der U-Bahnstation kam, und das Kyoto Conference Center erblickte. Das Gebäude schien mir eine Mischung aus traditioneller japanischer Architektur und brutalistischem Beton-Bau. Es wimmelte von wichtig-aussehenden Menschen aus sowohl der akademischen, und politischen Landschaft, als auch der Technologieindustrie. Die Konferenz sollte ein Ort der Begegnung sein, um interdisziplinäre Debatten über die Zukunft des Menschen in Anbetracht des Status von KI zu führen. Die Studierenden saßen oben auf den Rängen und ich hatte einen guten Überblick über den Raum. Nach offizieller Begrüßungsrede durch u.a. den Bürgermeister von Kyoto, teilten wir uns auf kleinere Seminarräume auf. Das Gebäude war jedoch so verschachtelt, dass ich mich prompt verlief. Ich sprach zwei Damen in meinem gebrochenen japanisch an, und fragte sie, ob sie wüssten, wo ich hinmusste. Nachdem wir zu dritt eine weitere Weile herumgeirrt waren, und uns dabei auf einer interessanten japanisch-englisch Mischung zu verständigen versuchten, fanden wir wonach wir gesucht hatten. Die beiden Frauen, so stellte sich heraus, waren Journalistinnen für eine große Kyoto-er Tageszeitung. Als sie hörten, dass ich aus Bonn kam, begannen sie sofort mich zu Markus Gabriel zu befragen… (ich konnte ihnen allerdings nichts Interessantes liefern).

Den Abend verbrachte ich mit weiterem Erkunden der Stadt – und ich aß meinen ersten Ramen in einem Restaurant. Der Automat, an dem man bestellte, zeigte alles nur auf Japanisch an, und nachdem er mich einige Male auf Japanisch angeschrien hatte, ich könne meine Kreditkarte nun aus dem Gerät entfernen, und ich hilflos davorstand und nicht verstand, kam ein netter Japaner zur Hilfe und übersetzte für mich, womit ich die Lärmbelästigung für alle Beteiligten beenden konnte. Der Ramen war vorzüglich – und überraschend bezahlbar (insbesondere im Vergleich zu Deutschland).

Der zweite Konferenztag verlief ähnlich dem ersten, einige Panel-Diskussionen auf der Bühne im großen Saal – wir beobachten aus der Ferne, und nachmittags Kleingruppen-Diskussionen. Was mich etwas erschreckte war die Tatsache, dass kaum Frauen mit an den Tischen saßen, und auch auf der Bühne in allen Konstellationen wahnsinnig unterrepräsentiert waren. Es gab viele Debatten, an denen keine einzige Frau beteiligt war, und wenn mal eine dabei war, dann auch nur eine von sechs Menschen auf der Bühne. Auch schienen mir einige der Diskussionen überraschend oberflächlich, und nicht so richtig zusammenhängend. Das kann zum einen daran liegen, dass immer simultan übersetzt werden musste (nur schätzungsweise die Hälfte der anwesenden sprach Englisch, die andere Japanisch) – aber wie ich später durch meinen neuen Freund erfuhr, war diese Art der Diskussion unter Umständen auch japanischen kulturellen Regeln von Zurückhaltung geschuldet – jemandem Wichtigen offen und direkt zu widersprechen kann, so habe ich es verstanden, auch schnell als unhöflich interpretiert werden.

Abends gingen wir mit einer Kleingruppe Karaoke singen – diese Erfahrung muss ich kurz weiter ausführen. Einer der japanischen Studenten reservierte uns bei Manekineko (eine Kette von Karaokebars, es gab in jeder Straße mindestens einen) einen Raum. In diesem Manekineko gab es über 30 kleine Zimmer, und man mietete sich bis zum nächsten Morgen eines davon. In jedem der Zimmer gab es eine Sitznische mit Tischen, einen Fernseher an der Wand gegenüber, zwei Mikrofone, und ein Tablet, über welches man auf die Songauswahl zugreifen konnte. Neben der Tür hing ein Kabeltelefon, mit dem man am Empfang anrufen, und essen und Getränke bestellen konnte. Draußen auf dem Gang gab es einige Automaten - einen für Tee, Kaffee und Misosuppe, einen Für Wasser und Softdrinks und einen für Softeis. An den Automaten war Selbstbedienung, und man konnte nachfüllen so oft man wollte. Wir sangen Hits von ABBA, überraschend viele Rock und Metal Songs (u.a. Chop Suey von System of a Down, von dem ich nicht erwartet hätte, damit einmal beim Karaoke glänzen zu können), und diverse Pop Songs der letzten Jahre. Wir versuchten uns an dem ein oder anderen Anime-Intro, aber ich stellte schnell fest, dass meine Lesegeschwindigkeit auf Japanisch absolut nicht mithalten konnte. Später am Abend bestellte ich eine kleine Schüssel Knoblauchreis und Karaage (paniertes, frittiertes Hühnchen), und verbrachte den Rest der Nacht damit, zu erwähnen, wie lecker das doch gewesen war. Um etwa drei Uhr morgens fiel ich erschöpft ins Bett und schlief sofort ein. Karaoke ist eine der klassischen, geselligen Abendaktivitäten in Japan und so bin ich froh, das einmal auf diese Art erfahren zu haben!

LETZTER WORKSHOPTAG UND ABSCHLUSS

Am Donnerstag trafen wir uns noch einmal mit der ursprünglichen Kleingruppe, bestehend aus den New Yorkern sowie den Studierenden und dozierenden aus Kyoto und Bonn. Die Diskussionen wurden ernster – wir sprachen über die Bedeutung von KI für die Frage nach AutorInnenschaft – ob man GPT-generierte Texte als Plagiate bezeichnen kann, oder inwiefern KI auch selbst Autorenschaft zugesprochen bekommen könnte oder müsste. Wir sprachen auch über die Frage nach Bewusstsein von KI, und was das für die weitere Forschung, sowie für Gesetze und Richtlinien von KI bedeutet. In diesem Kontext fand ich spannend, dass die Debatte in Japan ganz andere Fragen stellt als die Eurozentristische Debatte um KI Ethik. KI wird mehr Handlungsfähigkeit zugesprochen und die Fragen sind dann eher Fragen nach gesellschaftlicher Eingliederung und deren Bedeutung, und ob KI vielleicht Rechte braucht, während in Deutschland und den USA beispielsweise viel darüber diskutiert wird, inwiefern es vertretbar ist KI als Werkzeug zu nutzen. Der Respekt vor Artefakten und der Natur, der in Japan verankert ist, weitet sich auf KI ganz einfach aus. Wenn ein Stein ein inneres Wesen hat, warum sollte nicht auch ein Roboter eines haben? Ich fand diese Diskussionen in Anbetracht der stark patriarchalen Strukturen zwar etwas befremdlich (es gibt noch nicht einmal die Frage nach Gleichberechtigung der Frauen, aber wir diskutieren über Gleichberechtigung von KI?), aber dennoch hat es mich auf neue spannende Gedanken gebracht – und mich daran erinnert, wie sehr die persönlichen Werte und Prioritäten von der Sprache und Kultur abhängen, die einen umgeben.

Abends gab es ein buddhistisch-traditionelles Essen in einem Restaurant. Es war lecker, aber ungewohnt, und die hälfte der Zeit konnte ich vor lauter gewürfelter Einzelzutaten nicht identifizieren, was ich eigentlich aß. Beim Essen hatte ich weitere spannende Gespräche, vor allem mit Professoren und Studierenden aus New York – über bisherige Laufbahn, Studieninteressen und Zukunftspläne, aber auch über das Reisen, die Gesellschaft und die kulturellen Unterschiede. Diese Kontakte, die ich auf der Reise knüpfen konnte - allen voran der japanische Philosophiestudent, mit dem ich mich zwei Wochen später in Tokio noch einmal traf - sind unfassbar wertvoll für mich. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und werde mit Sicherheit wieder nach Japan zurückkehren!

Das Kyoto Conference Center
Das Kyoto Conference Center © Tabea Kosuch
Traditioneller "Hand Drip Coffee"
Traditioneller "Hand Drip Coffee" © Tabea Kosuch
Wird geladen